In der Schweiz und insbesondere im Wallis haben gemeinschaftlich organisierte Körperschaften wie die Burgergemeinden, im Wallis Burgerschaften genannt, eine lange Tradition. Sie können als eine besondere Form von Commons betrachtet werden und verwalten seit Jahrhunderten Gemeingüter wie Wälder, Alpen, Weiden und Liegenschaften.
Die Burgergemeinde (französisch bourgeoisie, italienisch patriziato, rätoromanisch vischnanca burgaisa) ist eine Personalkörperschaft des kantonalen öffentlichen Rechts, die heute noch in rund der Hälfte der Schweizer Kantone besteht. Sie ist nicht mit der politischen Gemeinde, der sogenannten Einwohnergemeinde, gleichzusetzen.
«Die Burgergemeinden in der Schweiz tragen seit Jahrhunderten durch den Unterhalt der Kulturlandschaften zu einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen bei.»
Historisch übernahmen die Burgerschaften auch Aufgaben der Rechtspflege, der Armenfürsorge und der lokalen Verwaltung. Mit der Entstehung des modernen Bundesstaates im Jahr 1848 und der zunehmenden Trennung von Burger- und Einwohnergemeinden gingen viele öffentliche Aufgaben nach und nach auf die politischen Gemeinden über. Die Burgerschaften blieben jedoch als eigenständige Körperschaften bestehen und verwalten vielerorts bis heute ihr gemeinschaftliches Eigentum.
Es wird angenommen, dass die Burgerschaften im Wallis im 13. Jahrhundert entstanden. Im deutschsprachigen Oberwallis scheinen sie aus der Institutionalisierung der Geteilschaften hervorgegangen zu sein. Bis ins 19. Jahrhundert bildeten die Burgerschaften die eigentlichen Gemeinden des Wallis. Heute verzeichnet der Kanton Wallis 147 Burgerschaften, die im Verband der Walliser Burgergemeinden organisiert sind. Eine der wichtigsten Aufgaben der Walliser Burgerschaften ist die Bewirtschaftung des Waldes.
«Rund 80 % des Waldes im Wallis gehören den Burgerschaften.»
Im heutigen Gemeindegebiet von Naters bestanden bis zur Fusion der politischen Gemeinden Birgisch, Mund und Naters jeweils eigene Burgerschaften. Im Zuge der Gemeindefusion wurden 2013 auch die drei Burgerschaften, Birgisch, Mund und Naters, zur Burgerschaft Naters vereint.
Sie gehört zu den traditionsreichen Burgerschaften des Oberwallis, und ihre Wurzeln reichen bis ins Spätmittelalter zurück. Während Naters bereits im Jahr 1018 erstmals urkundlich erwähnt wurde, lässt sich die Burgerschaft bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Ein wichtiges Organ war die Burgerversammlung, in der die Burger über gemeinsame Angelegenheiten entschieden und ihre Vertreter, den Burgerrat, wählten.
Heute erfüllt die Burgerschaft Naters wichtige Aufgaben im öffentlichen Interesse. Sie ist für die Verwaltung des Burgervermögens, der Alpen und Wälder sowie für die Pflege lokaler Traditionen und die soziale Unterstützung zuständig. Die Burgerschaft Naters verfügt zudem über verschiedene Liegenschaften wie das Backhaus Birgisch, das Burger- und Gemeindehaus in Mund, die Burgerhäuser in Birgisch und Naters, ein Ferienhaus, das Gruppenferienhaus «Alts Schüelhüs», das Hotel Belalp und den Ornavassoturm.
Historisch war nicht jeder Einwohner eines Dorfes auch Burger. Das Burgerrecht war in der Regel an die Zugehörigkeit zu bestimmten ortsansässigen Familien gebunden und wurde über Generationen weitergegeben. Zugewanderte Einwohner gehörten nicht automatisch zur Burgerschaft, sondern mussten von der Gemeinschaft aufgenommen werden.
Mit der Zugehörigkeit waren Nutzungsrechte an Wäldern, Alpen, Weiden und Allmenden verbunden. Burger erhielten beispielsweise Holzrechte oder Weiderechte auf Alpen und Allmeien. Diese Rechte sicherten den Zugang zu den Gemeingütern, boten soziale Absicherung und ermöglichten politische Mitbestimmung.
Die Burgerschaften waren lange stark patriarchal geprägt: Die Zugehörigkeit wurde über die männliche Linie weitergegeben, Frauen waren von Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen. Mit der Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene 1971 erhielten Frauen politische Rechte auf Bundesebene und konnten zunehmend auch in den Burgerschaften mitbestimmen und politische Ämter übernehmen. In Naters wurde 1984 die erste Frau in den Gemeinderat gewählt; Pia Eggel-Zenklusen folgte 2005 als erste Frau im Burgerrat.
Die Aufnahme neuer Burger war streng geregelt, da die verfügbaren Gemeingüter begrenzt waren. Der Burgertrunk war ein feierlicher Anlass, bei dem neue Burgerinnen und Burger offiziell in die Burgerschaft aufgenommen wurden. Traditionell markierte er den Abschluss des Einburgerungsverfahrens und die Aufnahme in die Gemeinschaft der Burgerfamilien.
Der Verband der Walliser Burgergemeinden (VWB) wurde 1969 gegründet und vertritt die gemeinsamen Interessen der Walliser Burgerschaften gegenüber Politik und Öffentlichkeit.
Webseite der Burgerschaft Naters.