Der Natischerberg bestand aus zahlreichen kleinen Weilern und war stark von der Landwirtschaft geprägt. Durch Erbteilungen, die «Realteilung», wurden Wiesen und Äcker zunehmend aufgestückelt. Die Parzellen wurden immer kleiner und mussten intensiver bewirtschaftet werden. Da sich die nutzbaren Flächen von Naters bis auf die Belalp erstreckten und die Bauern oft weit verstreute Güter besassen, waren sie zu einem Nomadenleben gezwungen.
«Als Kind zügelte ich mit meiner Familie sechsmal im Jahr. Wir wohnten zu unterschiedlichen Zeiten an fünf verschiedenen Orten am Natischerberg.»
Die Familien wechselten im Laufe des Jahres fünf- bis sechsmal ihren Wohnort. Auch die Schule war in diesen Jahresrhythmus eingebunden. Bis Anfang der 1960er-Jahre dauerte die Schulzeit in den Oberwalliser Bergdörfern nur sechs Monate, jeweils vom 2. November bis Ende April. Nach dem Bepflanzen der Äcker und dem Bestellen der Wiesen begann für die Bergbauern im Laufe des Monats Mai erneut die Wanderschaft. So konnten die Kinder während des Sommers und Herbstes bei den landwirtschaftlichen Arbeiten mithelfen.
In Blatten gab es von 1881 bis 1960 eine temporäre Schule, jeweils für zwei Monate, damit die Kinder aus Blatten und den umliegenden Weilern während der Wintermonate nicht den langen Weg nach Naters zurücklegen mussten. Am 2. November begann die Schule in Naters für alle Kinder vom Natischerberg. Am 9. Dezember war Zügeltag und schulfrei. Die Familien zügelten in die höher gelegenen Weiler zum «Winterstellu», wo das eingelagerte Heu an das Vieh verfüttert wurde.
«Im letzten Schuljahr 1959/60 vor der Schliessung waren wir acht Kinder im Schulhaus in Blatten, alle unterschiedlich alt. Drei kamen aus Blatten, die anderen aus den umliegenden Weilern Hasel, Mällböim und Egga. Im Winter dauerte der Schulweg zu Fuss für einige von ihnen bis zu einer Stunde.»
Bis zur Jahrhundertwende wechselte etwa die Hälfte aller Schüler für zwei Monate den Schulort. Bis Mariä Lichtmess am 2. Februar fand der Unterricht nun im Schulhaus in Blatten statt. Es war eine Halbtagsschule: Die älteren Kinder besuchten am Vormittag den Unterricht, die jüngeren am Nachmittag. Von der Egga bis zum Hegdorn kamen die Schüler nach Blatten. Die Schulwege waren lang und anstrengend, besonders frühmorgens im Winter, bei grimmiger Kälte und hohem Schnee. Die Kinder kamen oft völlig durchnässt oder sogar mit gefrorenen Kleidern in der Schule an.
Nach Mariä Lichtmess war das Heu in den Weilern oberhalb von Blatten verfüttert. Die Familien zogen wieder in die tiefer gelegenen Gebiete um Naters. Die Bergschule wurde aufgelöst und die Kinder kehrten in ihre Stammklassen in Naters zurück.
Mit der Zeit schrumpfte die Schülerzahl in Blatten auf ein Dutzend. Drei Familien am Berg verlangten eine eigene Schule. Der Rat lehnte dies zunächst ab. Im Schuljahr 1946/47 war es dann doch so weit: Die Schule in Blatten durfte ganzjährig geführt werden. 1960 teilte das kantonale Erziehungsdepartement der Gemeinde mit, dass die Schule in Blatten aufgrund der geringen Schülerzahl aufgehoben werde. Von da an fuhren die Kinder vom Berg mit dem Postauto zur Schule nach Naters.