Das Wallis ist eine der trockensten Regionen der Schweiz. Somit war Wasser seit jeher ein knappes Gemeingut. Über die Jahrhunderte haben die Bergbauern ein ausgeklügeltes System der Bewässerung entwickelt, mit dem das Wasser aus den Gletscherbächen kilometerweit entlang von Wässerwasserleitungen, auch «Suonen» genannt (französisch «bisses»), auf weit entfernte Wiesen geleitet wurde.
«Durch diese Felsklüfte hat das Wasser seine Abflüsse in’s Wallisthal. Wir sahen in der Höhe an der Seite des Felsens eine Wasserleitung gar künstlich eingehauen, wodurch ein Bach aus dem Gebirge in das benachbarte Dorf geleitet wird.»
Die Suonen mit ihren teils spektakulären, an steilen Felsen befestigten hölzernen Kanälen («Chännil») gehören seit den ersten Reiseerzählungen zu den beliebten Attraktionen des Wallis. Auch Johann Wolfgang von Goethe berichtete auf seiner zweiten Schweizer Reise Ende 1779 von diesen Leitungen. Die ältesten erhaltenen Dokumente zur traditionellen Bewässerung lassen sich mindestens bis ins 13./14. Jahrhundert zurückverfolgen. Die Wasserleite «Riederi» in Naters beispielsweise wird 1385 erstmals genannt.
Die Suonen durchziehen weite Teile der Berglandschaft wie Blutbahnen den menschlichen Körper. Über das durchdachte Leitungssystem fliesst die wertvolle Ressource Wasser von Frühling bis Herbst auf die trockenen Wiesen. Während dieser Jahreszeit ist die Niederschlagsmenge gering, die Verdunstung durch Hitze und warmen Wind hoch und somit die natürliche Wasserversorgung für die Landwirtschaft ungenügend.
«Das Wasser wird in offenen Rinnen zu den Wiesen geführt. Dadurch bilden sich mosaikartige Böden und Vegetationstypen, was die biologische Vielfalt erhöht. Ein Nebeneinander von Fett- und Magerwiesenarten entsteht.»
Dabei wird nicht nur Wasser transportiert, sondern das Gletscherwasser führt auch mineralhaltige Sedimente mit sich, die auf die Wiesen gelangen und zur Nährstoffversorgung und Bodenbildung beitragen. Suonen spielen zudem eine wichtige Rolle für die alpine Biodiversität. An den trockenen Hängen bringen sie Wasser in wasserarme Gebiete und schaffen vielfältige Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten. So entsteht ein Mosaik unterschiedlich feuchter Lebensräume.
Die Gemeinde Naters verfügt auf ihrem Gebiet über ein dichtes Netz von rund 50 traditionellen «Wasserleite». Das geteilschaftliche Bewirtschaftungsmodell ist zum Teil bis heute erhalten geblieben. Ein Teil der Wasserleitungen wird weiterhin genutzt und von Geteilschaften unterhalten, andere sind nicht mehr aktiv. Im Jahr 2024 verfügte rund die Hälfte der Wasserleitungen über keine funktionierende Organisationsform oder war nur noch bedingt funktionsfähig.
«Die Gemeinde versucht mit einem Programm, die bestehenden Geteilschaften zu unterstützen. Bei vielen gestaltet sich die Nachfolge in den Vorständen zunehmend schwierig oder sie werden nicht mehr instand gehalten. Wir versuchen, die Strukturen der Geteilschaften so gut es geht am Leben zu erhalten.»
Die Gemeinde Naters anerkennt die wichtige Bedeutung der Wässerwasserleitungen für Landwirtschaft, Kulturlandschaft und bei Unwetterereignissen. Sie hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, die Geteilschaften finanziell und organisatorisch beim Unterhalt und bei der Instandstellung der Wasserleiten zu unterstützen. Damit trägt sie zum Erhalt der vielfältigen Kulturlandschaft der Region bei und bewahrt dadurch ein bedeutendes Kulturerbe.
Bereits ab den 1950er-Jahren wurden im Wallis zunehmend Berieselungsanlagen eingesetzt, die später auch von Bund und Kanton subventioniert wurden. Viele dieser Sprinkleranlagen werden bis heute mit Wasser aus den Suonen gespeist. In den letzten Jahrzehnten wurden jedoch vielerorts traditionelle Wasserleitungen aufgegeben, da ihr Unterhalt mit grossem Arbeitsaufwand verbunden ist. Damit droht auch das traditionelle Handwerk des Wässerns mittels Suonen zunehmend verloren zu gehen.
«75 Prozent der betriebenen Suonen werden noch immer von der Landwirtschaft benutzt, sei es zur Bewässerung der Wiesen, der Reben oder als Wasserzufuhr für Sprinkleranlagen.»
Mit dem Verschwinden des traditionellen Wässerns gingen nicht nur eine jahrhundertealte Kultur mit ihren Techniken, Geräten und ihrer spezifischen Sprache verloren, sondern auch wichtige Beiträge zur Landschaftsvielfalt, Biodiversität und Bodenbildung. Um die traditionelle Bewässerung als wertvolles Erbe für die Zukunft zu erhalten, braucht es angepasste Eigentums- und Nutzungsformen, öffentliche Unterstützung und eine breite gesellschaftliche Anerkennung.
Die traditionellen Bewässerungssysteme im Oberwallis dienten ursprünglich vor allem der Landwirtschaft. Die gemeinschaftliche Organisation und Verteilung des Wassers war notwendig, um Wiesen und Weiden zu bewässern. Mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Nutzung, der zunehmenden Vergandung vieler Flächen und dem Zerfall geteilschaftlicher Strukturen verliert die traditionelle Bewässerung jedoch zunehmend ihre ursprüngliche Funktion.
«Das Wissen, die Techniken und die gemeinschaftliche Organisation der traditionellen Bewässerung wurden 2023 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.»
Gleichzeitig gewinnen die Suonen als Teil der Kulturlandschaft und des regionalen Kulturerbes an Bedeutung. Sie werden heute nicht nur zur Bewässerung genutzt, sondern auch als historische Zeugnisse gemeinschaftlicher Ressourcennutzung wahrgenommen und für Tourismus, Landschaftspflege und die Pflege von Traditionen geschätzt. Damit wandelt sich die Funktion der Suonen: Neben der Wassernutzung rückt zunehmend die Bewahrung dieses kulturellen Erbes in den Vordergrund.