«Commons» sind Ressourcen, die von einer Gemeinschaft gemeinsam genutzt, verwaltet und gepflegt werden. Der Begriff umfasst sowohl natürliche Ressourcen wie Allmenden, Wälder oder Wasser als auch immaterielle Güter wie Wissen oder kulturelle Praktiken.
Charakteristisch ist, dass die Nutzung der Ressourcen durch eine klar definierte Gemeinschaft organisiert wird. Diese legt gemeinsame Nutzungsrechte und Regeln fest und kontrolliert deren Einhaltung. Commons umfassen somit nicht nur die gemeinsam genutzte Ressource, sondern auch die Gemeinschaft und die Regeln, nach denen diese Ressource genutzt und erhalten wird.
Gemeinschaften können gemeinsame Ressourcen nachhaltig bewirtschaften, wenn sie klare Regeln und Verantwortlichkeiten haben.
In der Schweiz und insbesondere im Wallis sind kollektive Körperschaften wie Geteilschaften oder Burgerschaften, Burgergemeinden, weit verbreitet und stellen eine besondere Form von Commons dar. Sie organisieren und regeln seit Jahrhunderten die gemeinsame Nutzung und Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen wie Weiden, Alpweiden, Wälder oder Wasser.
Die natürlichen Bedingungen des Wallis haben die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen über Jahrhunderte geprägt. Der alpine Lebensraum ist durch steile Hänge, begrenzte landwirtschaftlich nutzbare Flächen und regional geringe Niederschläge gekennzeichnet. Gleichzeitig bildeten Wasser, Weideland und Wald wichtige Lebensgrundlagen für die lokale Bevölkerung. Mit dem Wachstum der Bevölkerung nahm der Nutzungsdruck auf die begrenzt verfügbaren Flächen und natürlichen Ressourcen zusätzlich zu.
«Rund 80% des Waldes im Wallis gehört den Burgerschaften.»
Diese Voraussetzungen erforderten eine gemeinschaftlich organisierte und geregelte Nutzung. Die lokale Bevölkerung entwickelte Regeln und Nutzungsrechte, die festlegten, wer welche Ressourcen wann und in welchem Umfang nutzen durfte. Auf dieser Grundlage entstanden über Generationen lokale Organisationsformen wie Burgerschaften und Geteilschaften, welche die gemeinschaftliche Nutzung und Verwaltung dieser Ressourcen regelten.
In der Region Naters waren über Jahrhunderte die Burgerschaften für die gemeinschaftliche Nutzung der Wälder, Weiden, Alpen und verschiedener Liegenschaften verantwortlich. Die Wasser-Geteilschaften hingegen organisierten die Verteilung des Bewässerungswassers und die Alp-Geteilschaften die gemeinsame Nutzung von Alpweiden.
Viele dieser Strukturen bestehen bis heute, auch wenn sich ihre Aufgaben verändert haben. Damit zeigt das Wallis besonders anschaulich, wie traditionelle Commons über Generationen weiterbestehen und sich gleichzeitig an gesellschaftliche, wirtschaftliche und ökologische Veränderungen anpassen.
Die gemeinschaftliche Nutzung von Ressourcen ist mit Rechten und Pflichten verbunden. In Geteilschaften und Burgerschaften regelten Nutzungsrechte, wer Wasser, Weiden oder Wald nutzen durfte. Im Gegenzug waren die Berechtigten verpflichtet, zum Erhalt der gemeinsamen Ressourcen beizutragen. Eine wichtige Form war das Alpwerk, bei dem gemeinsam notwendige Arbeiten wie der Unterhalt von Wasserleitungen, Wegen oder gemeinschaftlichen Flächen ausgeführt wurden.
Nutzungsrechte und gemeinschaftliche Verantwortung waren somit eng miteinander verbunden. Commons im Wallis zeigen anschaulich, dass sie nicht nur gemeinsam genutzte Ressourcen umfassen, sondern auch die Gemeinschaft, die Nutzungsrechte sowie die Regeln und Pflichten, welche eine langfristige und nachhaltige Nutzung ermöglichen.
Der amerikanische Anthropologe Robert Netting forschte in den 1970er-Jahren im oberwalliser Bergdorf Törbel und konnte zeigen, dass auf den Alpweiden in Kommunalbesitz seit Langem klare Regeln galten, die dafür sorgten, dass die natürlichen Ressourcen nicht übernutzt und gemeinschaftlich nachhaltig bewirtschaftet wurden.
Nettings Buch ‘Balancing on an Alp’ (1981) weckte das Interesse der Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom. Sie untersuchte, wie Gemeingüter, die sogenannten Commons, nachhaltig bewirtschaftet werden können. 2009 erhielt sie als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis, da sie zeigte, dass gemeinschaftlich genutzte Ressourcen unter bestimmten Bedingungen ohne staatliche oder private Kontrolle langfristig erfolgreich verwaltet werden können.
Geteilschaften und Burgerschaften stehen durch den technischen und gesellschaftlichen Wandel zunehmend unter Druck. Traditionelle Nutzungsformen von Wald, Weiden und Wasser verlieren teilweise an Bedeutung. Im Alpenraum zeigen sich die Folgen unter anderem in der Vergandung von Flächen und der Aufgabe traditioneller Wässerwasserleitungen. Gleichzeitig wird es schwieriger, die aktive Beteiligung am Gemeinschaftsleben, sei es beim Alpwerk oder bei Burgerversammlungen, aufrechtzuerhalten.
Zudem gewinnen Naturschutz, Tourismus und Erholung an Bedeutung und stellen neue Anforderungen an die gemeinschaftlich genutzten Ressourcen. Wälder erfüllen zunehmend ökologische Funktionen, Suonen werden als Kulturerbe und Wanderwege geschätzt, während Alpen und Landschaften verstärkt auch der Freizeit und dem Tourismus dienen. Dadurch können unterschiedliche Nutzungsinteressen aufeinandertreffen.
Link zum Buch «Balancing the Commons in Switzerland» (2021)
Dokumentarfilm Thema Commons und Kollektiveigentum von Marc Meillassoux auf Arte TV